Hello hello, ich bin zurück mit frischen Berichten aus Japan. Sorry dass die letzten Tage nichts kam, ich hab die freien Minuten eher für Biochemie und Pfadi-Aufgaben genutzt, weil die To-Do-Liste doch eher lang aussah, jetzt bin ich aber grade wieder entspannter :) deswegen ein kleiner Recap der letzten Tage. Für die ultimative Verwirrung habe ich den Text großteils gestern Abend geschrieben, lade ihn aber erst jetzt hoch ;)
Zuerst zu dem Teaser von Montag Morgen: Wir sind wieder um 5 Uhr aufgestanden und waren im Wald-Onsen baden. Das war nochmal ganz anders, weil es richtig geschüttet hat. Also es hat sich sehr nach Regenwald angefühlt und war irgendwie auch eine sehr coole Erfahrung! Ich finde übrigens, die Onsen-Betreiber sollten "gut für die Haare" in die lange Liste aufnehmen, für was die heißen Quellen alles gut sind. Meine Locken waren zumindest echt stark, was bestimmt daran liegt, dass meine Disulfidbrücken in der Lockenstruktur ganz viel Material aus der Schwefelwasserdampf-Luft bekommen haben (🤓). Nach einem letzten guten Frühstück sind wir abgereist und nach Tokio gefahren. Da waren wir gegen späten Nachmittag. Nach einer kurzen Erholungspause von Fahrt, Temperatur und Luftfeuchtigkeit und natürlich einer Erkundung der Gegebenheiten (wir sind jetzt in Max' Zimmer für das nächste halbe Jahr) sind wir nochmal losgezogen ins ein nahegelegenes Stadtviertel und haben die Aussicht von einem Hochhaus genossen. Das Hochhaus hieß "Sunshine City", was wir erst sehr übertrieben fanden, dann aber gerechtfertigt, weil in diesem Gebäudekomplex halt gefühlt ähnlich viele Geschäfte wie in der Ravensburger Innenstadt sind...
Der Blick war in dem Sinne überwältigend, dass man einfach kein Ende des nächtlichen Tokios gesehen hat. In jede Richtung waren Lichter, teilweise Hochhäuser und Straßen! Also so sehr man sich anstrengt, man kann so schnell keinen Überblick von Tokio bekommen, weil man es einfach nicht ganz sehen kann. Die Größe wird uns auch jeden Tag neu bewusst, wenn wir auf Google Maps zu einem Ort wollen, der relativ nah aussieht, dann aber dafür schon eine Stunde durch die Gegend fahren müssen... wirklich crazy!
Achja, kleiner Fakten-Block zu Tokio: Rechtlich hat Japan zwar keine Hauptstadt, de facto ist es aber Tokio, hier ist auch der Kaiser und das Parlament. Tokio hat ca. 10 Millionen Einwohner, im ganzen Metropolgebiet sind es 37 Millionen (also fast halb Deutschland). Superlative kann man viele finden, hier eine kleine Sammlung: zweithöchstes Gebäude der Welt, größtes Städte-BIP, größter Bahnhof und größte Kreuzung der Welt, größte Metropolregion der Welt, meiste Michelin-Sterne und die größte Konzentration an Getränke- und Warenautomaten hehe
Allgemein fühlt es sich grade nicht mehr so nach dem Touri-Urlaub der letzten Städte an. Man wäre eh überfordert, Sehenswürdigkeiten in Tokio "abzuhaken", gleichzeitig brauchen wir auch beide bisschen Zeit für verschiedene Sachen zuhause. Also machen wir einfach ganz entspannt jeden Tag irgendwas irgendwo und genug zu sehen gibt es so oder so. Passt für mich auch sehr gut grade. Ich mach jetzt keinen chronologischen Durchgang, ich glaub das würde euch und mich verwirren. Aber eine kurze Zusammenfassung: Erstmal habe ich wie gesagt auch einige Zeit zu Hause verbracht. Am Dienstag waren wir in den Gärten um den kaiserlichen Palast und im Tokyo Skytree (besagtes zweithöchstes Gebäude der Welt), gestern in einem Museum für ... moderne Kunst würde ich mal sagen, im Tokyo Tower und in einer Bar und heute in dem Viertel der Sumo-Ringer und am Hafen.
Wir haben also bis auf heute jeden Tag einen Aussichtsturm gehabt, jeweils auch immer im Dunklen. Der Skytree hatte mit Abstand die höchste Aussichtsplattform, leider auch das schlechteste Wetter, also da war nicht allzu viel mit Aussicht. Irgendwie trotzdem ganz cool, sich an verschiedenen Orten der Stadt mal einen Überblick zu verschaffen.
Ein Highlight war für mich das Museum. Wir sind bisschen planlos reingegangen und wussten nicht ganz was uns erwartet, war dann aber echt super cool. Es war prinzipiell dunkel und man konnte durch verschiedene große und kleine Räume gehen. Die hatten verschiedene Musik- und Licht-Shows, haben sich aber auch in jedem Raum mit der Zeit geändert. Teilweise konnte man auch interagieren, zum Beispiel sind einem in einem Raum Linien beim Laufen gefolgt, man konnte Blumen an der Wand wachsen lassen oder in einem anderen Raum konnte man Tiere malen, die dann so auf der Wand aufgetaucht und durch die Gegend geschwommen sind. In vielen Räumen gab es auch eigene Gerüche, also ein Erlebnis für viele Sinne :) - wirklich sehr cool!
Heute waren das Highlight die Sumo-Ringer. Dazu bisschen Background. Es gibt "Ställe", in denen je 10-20 Ringer leben und trainieren. Die sind fast alle sehr abgeschlossen für die Öffentlichkeit. Einer hat allerdings ein Fenster vor dem Trainingsraum, wo man dem morgendlichen Training zuschauen kann. Das geht meist so 3-5 Stunden, außer wenn grade Wettkämpfe sind, dann nur kurz. Naja dreimal dürft ihr raten, was diese und nächste Woche genau hier in Tokio ist: Wettkämpfe! Als wir das rausgefunden haben, haben wir versucht, noch schnell Tickets zu bekommen, da hätten wir aber Monate vorher dran sein müssen, die Sumo-Ringer werden wirklich sehr gehyped. Also haben wir eine Stunde ungefähr zugeschaut und das war trotzdem eindrucksvoll. Obwohl man es bei ihrem Körperbau nicht erwartet, sind sie echt gelenkig und schnell. Gleichzeitig haben wir uns bisschen eingelesen, war sehr spannend. Nach einem Ausflug zum Hafen (ca. eine Stunde hin und zurück) haben wir noch die Arena von außen angeschaut, wo ständig Ringer im Taxi ankamen und teilweise auch außen schon sehr bejubelt wurden. Außerdem wollten wir den "Chanko Nabe" - den Ringer-Eintopf essen (die müssen schließlich mit zwei Mahlzeiten auf 5000-8000 Kalorien am Tag kommen), ich bin mir bis jetzt nicht sicher, ob wir das richtige gegessen haben, aber es war zumindest sättigend und hat gut geschmeckt :)
Danach waren wir noch in einem schönen Garten ganz in der Nähe. Das war auch sehr sehr cool, weil es 1. extrem viele Schildröten gab hehe und 2. man mitten in Tokio war (man konnte den Skytree sehen) und da einfach so eine kleine grüne Insel hatte.
Wir haben außerdem die Gesellschaft und Mentalität der Japaner etwas mehr in den Blick genommen, was echt ein bisschen deprimierend ist. Man kommt einfach nicht umhin, viele der Japaner mit Robotern zu vergleichen (was auch, aber nicht nur, daran liegt, dass es für jede Kleinigkeit 1 bis 5 Angestellte gibt, grade bei den touristischen Sachen). Sobald sie in einem Dienstleistungsverhältnis zu dir stehen, sind sie extrem höflich und zuvorkommend und machen ihren Job perfekt. Und im "normalen" Leben, also im Zug oder so macht jeder komplett sein eigenes Ding und man wird kaum eines Blickes gewürdigt, also das ist extrem anonym. Viele Japaner sehen ihren Job nur als Möglichkeit zum Geld verdienen, persönliche Erfüllung gibt er ihnen nicht. Gleichzeitig gibt es ganz ungesunde Angewohnheiten wie unbezahlte Überstunden (weil es unhöflich wäre, vor dem Vorgesetzten nach Hause zu gehen), Burnouts sind gesellschaftlich nicht anerkannt und in psychiatrischen Einrichtungen werden Patienten oft einfach fixiert, weil es die Einrichtungen unterbesetzt sind...
Außerdem extreme Alterseinsamkeit (es gibt ein Ministerium für Einsamkeit) und es gibt extra die Begriffe Karoshi (plötzlicher Tod durch massiven Schlafmangel, Erschöpfung und Dauerstress) und Karojisatsu (Suizid durch Depressionen, Leistungsdruck oder psychische Überlastung).
Und natürlich sind diese Phänomene nicht generalisierbar und wir haben auch einige Leute getroffen, bei denen wir das so nicht beobachten konnten, aber wenn man drauf achtet, kann man sich das alles sehr gut vorstellen. Das finde ich extrem bedrückend und die Japaner tun mir extrem Leid, was das angeht. Friedrich Merz wäre wahrscheinlich happy, aber da freu ich mich doch wieder auf entspanntere Umstände zurück in Deutschland.
Ohh ich konnte mich übrigens doch mit Tokios öffentlichem Nahverkehr versöhnen. Der Hauptbahnhof war zwar immer noch riesig und verwirrend und komplex, aber wir haben ohne größere Probleme gefunden, was wir gesucht haben. Und auch sonst kommen wir ganz gut zurecht (wir fahren hauptsächlich U-Bahn, manchmal auch Bus). Also da ist auf jeden Fall ein Lerneffekt zu verzeichnen :)
Zu den Bildern:
1. Blick vom Sunshine City-Hochhaus (in Ikebukuro), hinten kann man den Skytree sehen
2. der Frühstücks-Lifestyle mit freundlicher Unterstützung des lokalen 7-Eleven
3. und 4. das Museum, einer der coolsten Räume
5. der Tokyo Tower (🗼 hehe) von unten
6. der Schildkrötengarten, wieder mit Skytree im Hintergrund